Leseprobe Anne: Einlassen auf die Seele der Gedichte
17.04.2006
Veröffentlicht in der Mainpost am 13.10.2005
Einlassen auf die Seele der Gedichte
Philipp Riedels intensive Interpretation von Kästners Werk
"Endlich hatte mal jemand den Mut, Kästner so zu interpretieren und welch ein Glück, es war Philipp Riedel!", mochte man am zweiten Abend der Kästnerwoche ausrufen. "Riedel singt Kästner" hieß das Programm des Abends schlicht und machte um so größeren Eindruck.
Hatte am Abend zuvor beim Trio 99 noch die ironische Distanz zu Kästners Gedichten geherrscht, war das Äußerliche herrlich wiedergegeben worden, ließ sich der 30-jährige Philipp Riedel völlig auf das Innere, auf die Seele der Gedichte ein.
Ein sehr mutiges und gleichzeitig auch unglaublich intensives und gefühlvolles Unterfangen. Musiker-Träumer traf auf Dichter-Träumer, beide im „richtigen Leben" bodenständig, doch in der Kunst symbiotisch, zusammen ein einzigartiges Geschenk. Philipp Riedel, ein Jahr nach Kästners Tod geboren, spielte und sang mit Herz, was ihm am Herzen lag.
Singend trug er Kästners Gedichte vor, gab den Texten durch seine so junge, gleichwertig gelagerte Musik neues Leben und verdeutlichte so ihre Aktualität und Zeitlosigkeit. Riedels starkes Klavierspiel war keine Begleitung, sondern ein weiteres, durchdringendes Ausdrucksmittel, variierte von weichen pop-artigen Melodien zum tief melancholischen Blues. Ein zärtliches Fallenlassen war es wenn er "Prima Wetter", "Repetition des Gefühls" oder „Hotelsolo
für eine Männerstimme" intonierte. Unglaublich einfühlsam, sehr aus dem Inneren heraus, weich, elegant und gefühlvoll, fast konnte man sich fragen, wie Kästner ohne diese Musik auskam.
Berührend, wie sich in seinem Spiel seine Emotionen spiegelten, wie nahezu erschrocken er in "Klassenzusammenkunft" über ein zehnjähriges, fast deprimierendes Klassentreffen sang. Süß und voller
Charme dann wieder "Ein Beispiel von ewiger Liebe" über eine Guck-Liebe in einer hessischem Kleinstadt. Tiefes Schweigen bei der widerlich eindringlichen, unglaublich unter die Haut gehenden Interpretation von "Lied einer alten Frau am Briefkasten" und „Ein alter Herr geht vorüber".
Philipp Riedel lud mit seiner Neuvertonung ein, zwang fast, jedes Wort des großen sächsischen Dichters genau zu betrachten, zu genießen, zu schmecken, zu empfinden und auch zu durchleiden und machte den Abend damit absolut einzigartig. Seine Darbietung, seine Zärtlichkeit, mit der er die Gedichte so behutsam neu kleidete, brachte einfach zum Staunen. Was in den Nachkriegsjahren bitter-bissig vorgetragen, vorgeschrieen wurde, wurde jetzt leise, melancholisch, mitfühlend, vielleicht auch ein wenig traurig. Riedels Stimme, seine wunderbare Musik, sein einfühlsames Spiel ließen eine neue Facette im Kästner-Diamant blitzen. Ein ganz großer Abend mit einem so sympathischen, entwaffnend offenen Künstler mit großer Zukunft.
Am heutigen Donnerstag treten im Rahmen der Kästnerwoche Dora Michel & Claudia Zinserling mit Gastmusikerin Angela Fronterra aus Brasilien in „The Jazz-Pop-Latin Gospelnight" um 19.30 Uhr im Salon des KästnerHofes auf. Karten gibt es an der Abendkasse oder beim Erich-Kästner-Kinderdorf unter der Tel. (09382)69 54
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